Stufe 5 1467-1763Km Ivano-Frankivsk, Cernivtsi (Tschernowitz)

Zuerst mal noch ein kleiner Nachrag zu Lemberg.

Abschliessend hat uns Lemberg wirklich richtig gut gefallen. Diese Stadt sollte man gesehen haben – wir können sie hundertprozentig als Ziel für eine Städetreise empfehlen. Und diesen Eindruck hatten wir nicht allein. Wenn wir mit anderen (noch recht wenigen) Touristen ins Gespräch kamen, so waren auch sie sich alle einig: Diese Stadt ist etwas ganz besonderes, ihre Amosphäre sehr einzigartig. Man muss nicht einmal einen großen Besichtigungsplan machen. Sich einfach durch die Strassen und Gassen der komplett erhaltenen Altstadt treiben zu lassen, kann einen für Stunden beschäftigen und glücklich machen. Besonders lieben gelernt haben wir zum Schluss noch die kleine lokale Kette „Lviv Croissant“. Diese bietet etwas feil, was es in Westeuropa in dieser Art (wahrscheinlich) nicht gibt: Neben dem guten und frischen Kaffe gibt es eine tolle Auswahl an Croissants, deftig belegt oder mit Obst und Creme gefüllt – einfach köstlich!

Lviv Croissants mit Blau- und Himbeere -mmmhhh

Für die Fahrt nach Tschernowitz hatten wir uns vorgenomen, erst mal den Zustand der Strassen zu checken und dann zu entscheiden, wie weit wir dann tatsächlich fahren. Selbst die Einheimischen rieten uns nachdrücklich davon ab, Nebenstrecken zu benutzen. Überraschenderweise waren die Hauptstrassen doch mindestens ok, oft sogar gut bis sehr gut. Zudem sind die Ukrainer ein entspanntes Völckchen, was die Teilnahme am Strassenverkehr anbetrifft. Kein Drängeln, kein Überholen in schwierigen Situationen oder Schneiden (da steht uns in Rumänien ein anderer Fahrstil bevor). So zog die hügelige, teils liebliche Landschaft vorbei und flugs waren die 2 Studen bis Ivano-Frankivsk vergangen. Die Pause in dieser Stadt hat uns gezeigt, wie vielfältig dieses Land ist.

Unterwegs nach Süden: Oldschool -rauchende Schlote wie bei uns in den 60ern

Eine völlig andere Atmosphäre als in Lviv empfing uns in dieser Stadt, die nach einem der wichtigsten ukrainischen Literaten benannt wurde. Wir fühlten uns eher ein bisschen wie in einer russischen Povinzstadt. Die Stadt war nicht unfreundlich, nicht wirklich häßlich, aber sie war auch nichts, was zu einem längerem Aufenthalt einlädt. Lediglich das Rathaus ist sehenswert, eine Besonderheit im Art-Deco-Stil, wo sich auch die Touristen-Info befindet. Als wir dort fragen, wo es Toiletten gibt, scheint selbst die freundliche Dame dort überrascht, dass es tatsächlich Touristen aus dem Ausland in ihre Stadt verschlagen hat. Nach einem Kaffe geht es weiter – denn alle sind fit und wir wollen dann doch noch in das vielversprechende Tschernowitz.

Ein paar schöne Häuser in Ivano-Frankovsk gibt es durchaus.

Art-Deco, das Rathaus von Ivano-Frankovsk. Mir hat es das angetan…

Wir fahren weiter. Die Landschaft wird ein bisschen trockener, die Dörfer irgendwie wohlhabender, fast schön und lieblich zum Teil. Wir wissen, die Ukraine ist arm, aber was ist hier der Maßstab? Die meisten Menschen in dieser Gegend düften definitv nicht Not leiden. Die Gärten sind bunt, die Felder üppig und bestellt. Überall sind farbenfroh gekleidete, lachende Kinder zu sehen. Es ist eine schöne Fahrt am nördlichen Rande der Karpaten entlang, die im Dunst zu sehen sind.

Gegen späten Nachmittag kommen wir in Tschernowitz an – diese Stadt hat(te) viele Namen: Czernowitz, Tscherniwzi, Tschernowauți, Czerniowce. Alle diese Namen sind bis heute allgegenwärtig – als Inschriften im Kopfsteinpflaster der Fußgängerzone. Jeder Schritt erinnert hier an eine Stadt, die einmal mehr in der Ukraine, so vielen verschiedenen Ethnien bis zum 2. Weltkrieg eine Heimat gab. Wir machen hier wieder eine ganz andere Atmosphäre aus als in Lviv und auch eine ganz andere als in Ivano-Frankivsk. Fast südländisch, was sicher auch mit der Hitze zu tun hat. Die Menschen sind deutlich dunkler, die Frauen zeigen ihre Schönheit und flanieren auf der Hauptstrasse, die einst Herrengasse hieß und heute nach einer ukranischen Schriftstellerin benannt ist, die  Kobylyans’koi Strasse – alles wirkt ein bisschen wie im Urlaub in Italien. Besonders angenhem: Wir übernachten im Hotel Magnat Spa an dieser schönen Flaniermeile und sind mittendrin im Geschehen.

Willkommen in Tschernowitz

In der Fussgängerzone – Tschernowitz

k.u.k wohin man blickt

Ein seltener Fall, Sozialismus neben Jahrhunderwende Architektur

Der Rundgang am nächsten Tag zeigt: Auch diese Stadt ist wunderschön, kaum von Zerstörungen durch Kriege oder sozialistische Bauwut beeinträchtigt. Auch hier lebten diverse Völkerschaften friedlich nebeneinander bis der 2. Weltkrieg kam und Juden, Rumänen, Österreicher, Deutsche, Polen, Russen und Ukrainer gegen- und auseinandertrieb. Das Schicksal der mehrheitlich jüdischen Bevölkerung ist hier in der Bukowina kein anderes als in anderen Teilen der deustchen Besatzungsbeiete. Heute gibt es kein jüdisches Leben mehr….

Hier sind sogar die Pennner cool ! Zwei Originale halten einen Plausch bei Bier am Morgen.

Sehr sehenswert ist der ehemalige Sitz des Metropoliten der Bukowina, heute die Universität von Tschernowitz. Ein sehr schöner Klinkerbau (UNESCO Heritage), in dem sich Stile aus Hanse, Osmanischer Architektur und k.u.k vermischen. Welch ein Glück, hat derjenige, der in dieser Umgebung studieren darf.

Tor zu Uni in Tschernowitz. Sieht fast aus wie in Zentralasien

Uni

Uni

Leo hat es da auch sehr gut gefallen

Wir geniessen den Tag sehr, trotz brütender Hitze. Wir wissen auch: Es wird vorest unser letzter Tag in einer Stadt sein. Die nächsten Etappen werden uns eher in die Natur führen.

Auch in Tschernowitz verändert sich vieles: Neue Cafes und Kneipen enstehen mit ganz eigenem Charakter. Ganz anders als bei uns, wo sich ein bestimmtes Thema in den gentrifizierten Stadteilen durchsetzt (z.B. Retro) und von dort aus einen Siegeszug in viele andere Städte macht. So finden sich dann ähnliche Bars und Kneipen in vielen anderen Städten wieder. Mangels westlicher Inspiration ist das hier vermutlich anders. Viele Läden sind einzigartig, spielen mit traditionellen Elementen der Wiener Kaffeehaus-Kultur, mischen sich mit Folklore der Bukowina oder Galiziens und andere sind dann wieder total eigenständig. Das ist echt toll. Hoffentlich dauert es noch ein bisschen, bis die Starbucks-und San Franciso Coffee Company-Jünger hier einfallen!

Besonders gefallen und geschmeckt hat es uns zum Beispiel im Secret Kitchen in Theaternähe – das Theater ist übrigens ein architektonischer Zwilling des Stadttheaters im fränkischen Fürth. Bei Wikipedia heisst es hierzu: Die Wiener Architekten Fellner & Helmer waren ursprünglich mit den Planungen und Bau des Theaters in Tschernowitz beauftragt. Allerdings wurde der Bau wegen Finanzierungsproblemen verschoben. Kurzfristig verwendeten die Architekten die Pläne für das Fürther Theater. 1904 bis 1905 wurde dann der Bau in Tschernowitz nachgeholt. So stehen in den beiden Städten fast gleiche Theater.

Im Secret Kitchen mit herrlicher hausgemachter Limonade

Immer wieder fallen die vielen Soldaten im Stadtbild auf. Bereits schon in Ivano-Frankivs sahen wir ein Rekrutierungsbüro für eine Freiwillgenarmee „Zum Ruhme der Ukraine“. Dann wird man wieder Gewahr, in welcher Krise diese Land eigentlich steckt. Denn man merkt das im Alltag eigentlich nicht. Wenn man des Kyrillischen mächtig ist und die Sprache halbwegs interpretieren kann (ich in diesem Fall durch Russischkenntnisse und Aga durch ihr Polnisch), so ist der durch Krieg bedingte Nationalismus im Westen der Ukraine unübersehbar, sicher nicht unentschuldbar aber mir zumindest zutiefst unsympathisch. Das ist aber auch das Einzige, was ich an diesem Land zu bemängeln habe – als Gast.

Das Bild unten zeigt einen Aushang des Rekrutierungsbüros der regulären ukrainischen Armee. Sie hat große Probleme Freiwillige zu bekommen für den Kampf im Donbass, den viele junge Menschen (wie sie mir sagten) für idiotisch halten und nicht führen wollen. So locken hier vermeintlich gute Gehälter (Soldat, Schütze ca. 230€, Sergeant ca. 280€ und Leutnant ca. 310€) eher die Typen an, die im wahren Leben auch nichts auf die Reihe kriegen. Aber das Problem haben wohl viele Armeen mit Bezahlsystem :-o. Laut einem Artikel, den ich gestern las, sterben an der Front mehr ukrainische Soldaten durch Alkohol, Suizid und Unfälle, als durch Kapfhandlugen. Tragisch genug…

Suche Mitkämpfer -biete (viel?) ein ordentliches Gehalt

 

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