Stufe 9 3092-3482 Km Bulgarien der Rest: Veliko Tarnovo, Tryavna, Zlatograd

Unsere letzte Nacht in Bulgarien erwartet uns. Morgen geht es weiter nach Griechenland. Zeit, ein Fazit über Bulgarien zu ziehen. Landschaftlich betrachtet ist das Land sehr vielseitig: Es gibt viele Berge, das Schwarze Meer, steppenartige Landschaften, herrliche Laubwälder und im Süden wird es dann sehr mediterran. Auch einige Städte sind sehr sehenswert, wenn auch hier der sozialististische Langzeitherrscher Todor Schivkov sein Bestes gegeben hat, diese generalstabsmässig umzubauen.

So ist zum Beispiel die von uns besuchte Stadt Veliko Tarnovo, eine frühere Hauptstadt Bulagriens, sicher einen Besuch für ein, zwei Tage wert. Mit ihren Häusern aus der Zeit der bulgarischen Wiedergeburt (vgl. Renaissance im westlichen Europa) und einem Straßenzug, in dem alte Handwerkskunst lebendig ist. Auch die imposante Burganlage lädt zu einem Besuch ein, der sich lohnt.

Veliko Tarnovo

Veliko Tarnovo – Die Burganlage

Auf dem Weg zur Burg

Veliko Tarnovo – Die Altstadt

Ulitsa(Strasse) Prolet – bei uns wäre das die Fühlingsstaße.

Ebenso gefallen hat uns Tryavna am Nordrand des Balkangebirges – auch hier haben traditionelle Häuser aus der Zeit der bulgarischen Wiedergeburt überlebt.

Sehr schön: geschlossener Stadtkern – Tryanva

Stadtplatz Tryavna

Sokolski Kloster bei Tryavna

Diese Stadt eignet sich auch gut als Ausgangspunkt für Ausflüge – zum Beispiel in das Freilichtmuseum Etar, wo alte Mühlen und Webereien noch genauso funktioniern wie früher. Dieses Freilichtmuseum gehört definitiv zu den Highlights einer Bulgarienreise.

Freilichtmuseum Etar

Freilichtmuseum Etar

Wie ein Schildkrötenpanzer und typisch für die Region – Dachschindeln aus großen Steinplatten. Ich frage mich, wie das statisch funktioniert…

Alte Mühlentechnik – alles fuktioniert, das ist echt spannend

Etar

Jörn hat sich schon ewig darauf gefreut, hat der doch einen Narren gefressen an den seltsamen Auswüchsen sozialistischer Erinnerungskultur: Das Buzludzha-Monument (oder: Busludscha), auch bekannt als das bulgarische UFO. Auf den Betrachter wirkt es schon von weitem mindestens skurill, wenn nicht befremdlich und fast schon dystopisch. Ein Bauwerk wie eine Fata-Morgana, so weit oben auf dem Gipfel des Balkan-Berges Chadschi Dimitar auf etwa 1400m. Eine Untertasse in der Schule des Brutalismus, die verfällt und immer mehr zur Ruine wird, mitten in der Natur. Wie seltsam für uns, die meist nur Gipfelkreuze und Skilifte auf den Gipfeln in der Heimat kennen.

Annäherung an einen unwirklichen Ort

Buzludzha „Prunktreppe“

Buzludzha – Vor dem verschlossenen Eingang

So sah es 1981 bei der Fertigstellung im Inneren aus

Das Denkmal wurde zu Ehren der sozialistischen Bewegung Bulgariens gebaut und ist das größte ideologisch motivierte Denkmal des Landes. Angeblich konnte man den rot erlechteten Stern aus Rubinglas im Turm  von der Donau bis zu den Rhodopen sehen – der Berg ist ziemlich genau in der Mitte des Landes. Der Bau des Monstrums hat damals ein Vermögen gekostet. Das Geld hätte man meiner Meinung nach, bestimmt auch besser anlegen können. Zu diesem Stück sozialistischer Architektur gibt es inzwischen ganze Foren in Internet. Nicht zuletzt deshalb, weil das Gebäude seit 1989 vor sich hin rottet und in einen immer schlechteren Zustand verfällt.

Buzludzha – Überall Grafitti

Im Herzen des Ufo – Zerstörung und sterbende Mosaike

Im Herzen des Ufo – Zerstörung und sterbende Mosaike

Die Helden der Revolution – der Ort ist so schräg, dass man nur noch staunt

Links war Todor Shivkov, der wurde noch nach der Wende entfernt

Mit dem System zerfielen auch seine Ruhmessymbole….Der Eintritt ist eigentlich wegen drohender Einsturzgefahr verboten. Jörn musste natürlich trotzdem reinklettern und Fotos machen. Aber genau dieser Umstand verlieht diesem Ort eine Aura des Verbotenen und macht es dadurch für viele noch attraktiver. Wer mutig ist und das Risiko liebt, wird weiterhin versuchen reinzukommen, um das, was vom Reichtum der Innenausstattung übrig blieb, zu bestaunen: Marmorböden, aufwendige Mosaiken und sozialistischen Schnickschnack. Irgendjemand mauert bzw. betoniert die Zugänge immer wieder zu. Aber wer rein will, findet immer einen Weg. An diesem Ort jedenfalls haben wir bisher die meisten ausländischen Touristen getroffen.

Proletarier aller Länder vereinigt Euch ! Der Dom der Untertasse

Weniger ausländische Touristen hingegen trafen wir in Zlatograd – einer kleinen Stadt an der Grenze zur Griechenland. Nun, diese Stadt, die auch ein paar schmucke Wiedergeburts-Häuser aufweist, muss man eigentlich nicht gesehen haben. Die Landschaft drumherum, die Rhodopen, ist allerdings wunderschön. Irgendwie gar nicht mehr europäisch… Hinzu kommt, dass in dieser Gegend viele Türken wohnen. Ein ganz anderes Stück Bulgarien eben. Für uns zwei letzte Tage in friedlicher bulgarischer Natur, mit leckerem Essen zu unschlagbaren Preisen

Zlatograd in den Rhodopen, umgeben von toller Natur

Was Bulgarien sonst noch als Reiseland ausmacht? Das Land ist noch relativ günstig zu bereisen – zumindest für Touristen aus Deutschland. Übernachtungen, Restaurantbesuche sind preiswert. Die Supermarktpreise und die sonstigen Lebenshaltungskosten sind allerdings so hoch wie bei uns. Immer wieder haben wir uns gefragt, wie die Einheimischen das Leben meistern, mit ihren Durschnittseinkommen von 400 Euro im Monat. Eine Antwort haben wir nicht gefunden…Das der Alltag aber eben nicht so rosig ist, haben uns die vielen verlassenen Dörfer gezeigt: Hunderttausende von Bulgaren haben ihre Heimat verlassen, um in den westlichen EU-Ländern besser bezahlte Arbeit zu finden. Eine Bulgare sagte, dass dies die eigentliche Tragödie des Landes ist: Die Flucht und das Streben ganzer Dörfer und halber Städte. Manchmal hinterlässt diese Entwicklung einen herben Beigeschmack auf unserer Reise durch dieses Land. Ebenso sind die sonst auch sehr freundlichen Bulgaren ausgerechnet im Tourismusgeschäft zum Teil kühl, manchmal auch einfach schlicht unfreundlich. Bei Menschen, die einen Großteil ihres Lebens in der Dienstleistungswüste des Sozialismus (oder dem, was er hier sein sollte) verbracht haben, könen wir das ja noch verstehen. Aber müssen diese Menschen dann an der Rezeption eines Hotels sitzen? Noch einmal – Bulgarien hätte viel, sehr viel Potential, aber was daraus gemacht wird, ist leider teilwiese völlig unzureichend oder auch völlig planlos. Die Leute scheinen dies zu spüren – latente Resignation ist immer wieder wahrnehmbar…

Grotesk: Fast zeitgleich, als wir das mit der Bevölkrungsabnahme mitbekommen, erfahren wir auch, dass immer mehr deutsche Senioren, die von ihrer Rente in Deutschland mehr schlecht als recht überleben, neuerdings in Bulgarien ihren Lebensabend verbringen. Ist nicht ganz so weit wie Thailand und der Kulturkreis nicht ganz so fremd… Nun ja, die einen gehen, die anderen kommen – mal schauen, wie sich das weiter entwickelt.

 

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