Stufe 12 5528 – 5960Km Albanien Gjirokastra, Dhermi

Nach ziemlich genau vier Wochen Griechenland „endlich“ ein neues Land – Albanien. Für mich immer eine Reminiszenz Herges` Tim und Struppi Bände, die in Bordurien und Syldavien spielten. Finstere Täler, kryptische Idiome, dramatische Berge und schräge Fahnen unter dem Joch eines durchgeknallten Herrschers hatte der Künstler dort beschrieben. Und so sieht auch die albanische Fahne aus – richtig cool!  Enver Hoxha, der albansiche Diktator, war in der Tat überhaupt nicht cool, eher ein pathologischer Psychopath.

Flagge Syldavien – Copyright Herge !

zum Vergleich – Flagge Albanien

Aber erst mal an die Grenze, das heißt: Erst endlich wieder einmal ein „richtiger“ Grenzübergang, Geldwechseln („Lek“) und damit eine richtige Erholung für unser Reisebudget. Denn vier Wochen Griechenland können einen richtig arm machen. Vor allem die Lebensmittelpreise sind höher als bei uns, aber auch der Sprit. Ein halbes Vermögen muss man ausgeben, wenn man auf griechischen Autobahnen unterwegs ist. Aber das schrieben wir ja bereits. Ach ja, und nach über zwei Monaten auch wieder die lateinische Schrift. Allerdings: Wir können nun zwar alles lesen, verstehen tun wir aber trotzdem nichts. Das Albanische ist eine ganz eigenständige und für unsere Ohren auch sehr fremde Sprache.

Albanien hat uns mit atemberaubenden Landschaften und besten Wetter empfangen. Wer zum ersten Mal da ist, staunt vor allem über zwei Dinge: die vielen Bunker (über 200.000 insgesamt!), die der ehemalige Diktator Hoxha hier überall zurück gelassen hat und über die wilden Müllkippen. In Albanien gab es lange Zeit keine funktionierende Abfallentsorgung – aber diese wird nun besser. Das muss sie auch, wenn das Land Touristen anziehen will. Das Potenzial ist wieder einmal da, die Haupverkehrwege mittlerweile gut. Erstaunlich viele ältere Leute sind in Campern unterwegs. Und wir stellen noch etwas fest: Kein Land auf unserer Reise ist so kinderlieb wie Albanien – und die anderen waren schon sehr gut dabei! Leo wird ständig getätschelt, geknutscht (!!!), bewundert und geknuddelt, bis es ihm manchmal ein bisschen zuviel wird. Er bekommt auch immer wieder was geschenkt: eine Orange, Walnüsse oder kleine Spielsachen.

Landschaft bei Dhermi

Aquamarin wie auf der Leinwand -Strand in Dhermi

Im Land der Skipetaren oder der 200000 Bunker

Unsere erste Station war das unweit der griechischen Grenze gelegene Gjirokaster, mit einer schönen Altstadt, die unter UNESCO-Schutz steht. Leider sind viele der einzigartigen historischen Häuser verfallen, das Geld fehlt vorne und hinten, um die Gebäude zu erhalten. Ein paar wenige Häuser kann man auch innen besichtigen. Die alten Eigentümerfamilien fungieren dabei als Guides, was sehr authentisch ist. Die Nachkommen der ehemals reichen Familien können wir direkt befragen. Von ihnen erfahren wir, wie schwierig es ist, diese mächtigen Häuser aus der osmanischen Zeit am Leben zu erhalten. Von der Regierung gibt es keinerlei Unterstützung, sie versuchen über das Eintrittsgeld die Häuser zumindest vor dem Verfall zu retten. Wir besuchen auch die imposante Burganlage und lassen uns wieder einmal durch alte Gassen treiben.

Gjirokastra – Blick von der Burg

Gjirokastra – Moschee. Unten drin befindet sich ein nettes Cafe 🙂

Gjirokastra – Skenduli Haus. Sehr sehenswert

Karstquelle Syri e Kalter oder „blaues Auge“. Aus der Quelle entspring ein Fluss. Trotz monatelanger Dürre!

 

Karstquelle Syri e Kalter oder „blaues Auge“.

Unsere zweite Station in Albanien ist Dhermi an der Küste. Dieses ehemals verschlafene, haptsächlich von Griechen bewohnte Nest entwickelt sich langsam zu einem richtigen Touristenort und besticht vor allem durch seinen langen Strand und die meist traumhafte Aquamarinfarbe des Wassers. Vor allem der südliche Küstenabschnitt in Albanien ist noch recht schön und naturbelassen – noch! Das liegt unter anderem auch daran, dass er zur Zeit Hoxhas` Diktatur teilweise Sperrgebiet war. Wir genießen die Nachsaison. Den absolut leeren Strand, das aufkommende Herbstlicht, die Ruhe im Urlaubsort – auch viele Restaurants sind bereits geschlossen. Wir versuchen es uns vorzustellen, wie der Ort mitten im Sommer aussieht… Wimmelt es hier von Touristen? Ist es laut? In der Septemberruhe fällt diese Vorstellung schwer.

Die letzte Station am Meer – sogar Leo war noch baden. Der Abschied fällt schwer

Dhermi. Glückliche Tage in Albanien

Die Berge hinter Dhermi – von 0 auf 2000m in einem Kilometer

Wir genießen die Tage in dem Wissen, dass es die letzten Tage unserer Reise sind, die wir am Strand verbringen. Einem Strand, wo das Wasser diese ganz besondere hellblaue Farbe und noch immer 23 Grad hat. In unserem kleinen familiengeführten Hotel ist auch fast gar nichts mehr los. Leo wird auch hier sofort ins Herz geschlossen. Jeden Morgen kocht die Chefin persönlich einen albanischen Kinderbrei („Trahana“) für ihn. Außerdem nimmt sie ihn mit zu den Hühnern und kümmert sich um ihn, während wir essen. Wofür andere Geld ausgeben, bekommen wir aus nächster Nähe mit: Der Hotelchef brennt seinen Schnaps noch selbst und wir dürfen hautnah dabei sein, wie aus Weintrauben vier Regentonnen Schnaps entstehen. Er erzählt uns, dass diese Menge für eine ganze Saison in der Regel ausreicht. Am Schluss bekommen wir eine Flasche des Selbstgebrauten mit.

Rakibrennen auf albanisch. Das waren drei Tage Arbeit.

Albanien? Castilla la Mancha? Don wer …? Ich sollte aus der Sonne!

Surrealismus

Albanien ist ein vielfältiges Reiseland, für das wir trotz seiner geringen Größe zu wenig Zeit mitbringen. Das siebte Land unserer Reise zeigt uns, wie unglaublich reich an Landschaften, Menschen und Impressionen Europa ist. Wir müssen wirklich nicht in die Ferne schweifen, um Exotik zu erleben, fremde und inspirierende Küchen zu schmecken, in reiche Geschichte und türkises Meer einzutauchen. Albanien hat einfaches, aber leckeres Essen, wieder einmal freundliche Menschen eine, zumindest teilweise, wunderschöne Küste und wilde, also richtig wilde Gebirgslandschaften. Es ist zudem das kostengünstigste Reiseland in dem wir waren, von der Ukraine mal abgesehen.

Nach rund einer Woche Albanien machen wir uns auf in Richtung Durres, wo uns eine Fähre über Nacht ins italienische Bari bringt. Bei der Verladung merken wir dann doch noch, dass wir in einem Land unterwegs waren, das als Cannabishochburg gilt und Kolumbien in nichts nachsteht, was den Rauschmittelmarkt anbetrifft. Die Fahrzeugkontrolle am Hafen ist wirklich akribisch – inklusive Drogenspürhund. Manch ein Wohnmobil muss sogar zum Scanner. Die Beamten nehmen hier ihren Job ernst, die EU – und da wollen die Albaner auch gerne rein – macht gewaltig Druck. Dabei geht es hier nur um Gras …aber das ist ein anderes Thema. Dann ist erstmal Warten angesagt, bis wir an Bord fahren dürfen. Wir beobachten das Wuseln und Rangieren im Fährhafen und bewundern, wie mancher LKW-Fahrer sein Fahrzeug und Anhänger rückwärts durch den engen Schlund der Fähre in ihren Bauch rangiert. Alles Millimeterarbeit. Als eines der letzten Fahrzeuge dürfen wir an Bord. Am nächsten Morgen werden wir die ersten sein, die in Bari an Land „fahren“ dürfen. Die Adria Ferries Fähre „Durres – Bari“ mit dem schönen italienischen Namen „Francesca“ ist übrigens sehr zu empfehlen. Für 130€ bekommen wir die Überfahrt nebst alter, aber blitzsauberer Kabine. Auf Wiedersehen Balkan – Ciao Italia !

Albanien mit Baby: Überhaupt kein Thema. Wahnsinnig kinderfreundliches Volk. Windeln teurer als in Deutschland, aber überall in größeren Orten zu haben. Gläschen nicht, die haben wir nur in Vlore bei Rossmann gesehen. Auch hier trafen wir mehrere Familien auf Elternzeitreise, eine junge Familie war viel länger geblieben als geplant, weil es ihnen so gefallen hat.

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